Interview: Digital-TV ohne Schüssel – DVB-T bietet schnellen Umstieg

Der Countdown läuft: Am 30. April 2012 endet die analoges Fernsehen via Satellit. Für Haushalte, die bis dahin den Umstieg auf digitales Satellitenfernsehen nicht schaffen, bietet DVB-T eine einfache und kostengünstige Möglichkeit, sich schnell digitales Fernsehen auf den Bildschirm zu holen. TV DIGITAL sprach mit NDR-Digitalexperte Thorsten Mann-Raudies und Henrik Rinnert, Leiter des Geschäftsbereichs Fernsehen des DVB-T-Sendernetzbetreibers Media Broadcast, über die Empfangsmöglichkeiten, Programme und Besonderheiten des terrestrischen Digitalfernsehens.

TV DIGITAL: Wie können die Zuschauer herausfinden, ob sie von der Abschaltung des analogen Satellitenfernsehens betroffen sind?

Thorsten Mann-Raudies: Betroffen sind nur Haushalte, die noch analoges Fernsehen über das Satellitensystem Astra (19,2° Ost) empfangen. Schätzungen zufolge sind dies 1,8 bis 2,8 Millionen Haushalte in Deutschland. Wer nicht weiß, ob er analoges oder digitales Fernsehen empfängt, kann dies über die Teletext-Seite 198 der großen TV-Sender prüfen. Für Zuschauer mit Fernsehern ohne Teletext blenden die TV-Anbieter auf ihren analogen Sendeplätzen regelmäßig Laufbänder ins Programm ein, um die betroffenen Haushalte auf die bevorstehende Abschaltung vorzubereiten.

Henrik Rinnert: Die Zeit drängt: Auf die verbleibenden Wochen heruntergerechnet, müssen pro Tag im Schnitt mehr als 30.000 Satellitenhaushalte aufs digitale Fernsehen umsteigen, damit ihr Bildschirm am 30. April 2012 nicht schwarz wird. Das ist eine gewaltige Zahl!

TV DIGITAL: Für den Digital-TV-Empfang via Satellit reicht es in den meisten Fällen aus, den analogen durch einen digitalen Receiver zu ersetzen. Was können Zuschauer machen, die damit noch abwarten wollen, etwa, weil sie unsicher sind, welche Set-Top-Box sie kaufen sollen?

Henrik Rinnert: Das digitale terrestrische Fernsehen, kurz DVB-T, ist eine einfache Lösung, sich ohne großen technischen oder finanziellen Aufwand digitales Fernsehen in die Wohnung zu holen. In praktisch allen modernen Flachbildfernsehern ist ein DVB-T-Tuner bereits eingebaut, so dass keine separate Beistellbox gekauft werden muss. In den meisten Fällen genügt es, den Fernseher mit einer kleinen Zimmerantenne zu verbinden, die es im Elektrofachhandel gibt. Nach einem Sendersuchlauf erscheinen die digitalen Programme sofort auf dem TV-Bildschirm. Weitere Kosten fallen nicht an.

TV DIGITAL: Welche Sender können per DVB-T empfangen werden?

Henrik Rinnert: In den Ballungsräumen sind alle großen öffentlich-rechtlichen und privaten Sender dabei. Insgesamt bietet DVB-T dort 24 bis 32 Programme, in einigen Großräumen wie Berlin sogar noch mehr. In ländlichen Regionen stehen bis zu zwölf öffentlich-rechtliche Sender zur Verfügung.

TV DIGITAL: Funktioniert das in ganz Deutschland?

Henrik Rinnert: Ja, DVB-T erreicht mit 95 Prozent der deutschen Haushalte eine nahezu bundesweite Abdeckung. In der Hälfte der Haushalte reicht für den Empfang eine kleine Zimmerantenne, die anderen benötigen eine Außenantenne, die zum Beispiel an der Fensterbank befestigt wird, oder eine Dachantenne.

Thorsten Mann-Raudies: Eine Besonderheit von DVB-T im Vergleich zu Kabel, Satellit und IPTV ist die Möglichkeit des portablen und mobilen Empfangs, zum Beispiel mit tragbaren Mini-Fernsehern beim Picknick, per USB/DVB-T-Stick auf dem Laptop oder im Auto.

TV DIGITAL: Wie viele Haushalte nutzen DVB-T?

Henrik Rinnert: Seit der Einführung von DVB-T im Jahr 2003 wurden in Deutschland mehr als 30 Millionen Empfangsgeräte verkauft. Im Bundesdurchschnitt nutzen inzwischen rund 12 Prozent der Haushalte DVB-T auf einem ihrer Fernseher. In Ballungsräumen, wo die Programmauswahl besonders groß ist, haben sich mehr als 20 Prozent der Haushalte für DVB-T entschieden. Was viele Zuschauer als Vorteil empfinden, ist die freie Verfügbarkeit: Für DVB-T wird keine Satellitenschüssel, kein Kabelanschluss und kein IPTV-Vertrag benötigt, es fallen auch keine laufenden Kosten an.

TV DIGITAL: Die neueste Generation von Flachbildfernsehern kann Programminhalte und Dienste aus dem Internet direkt auf den TV-Bildschirm bringen. Was bedeutet das so genannte Hybrid-TV für DVB-T?

Henrik Rinnert: Ich sehe darin gewaltige neue Möglichkeiten: Die bestehenden TV-Sender können neue Angebote auf dem Fernseher bereitstellen, etwa ihre bislang nur im Internet verfügbaren Mediatheken. Gleichzeitig öffnet sich der TV-Bildschirm für neue Marktteilnehmer. Die Zuschauer profitieren von einer größeren Vielfalt an Programminhalten und Diensten.

TV DIGITAL: Einige Länder wie Großbritannien, Italien, Schweden und Finnland haben bereits die nächste DVB-T-Generation eingeführt: DVB-T2 ermöglicht eine größere Programmauswahl, bessere Bildqualität und hochauflösendes Fernsehen (HDTV), erfordert allerdings neue Empfangsgeräte. Kommt der neue Standard auch nach Deutschland?

Henrik Rinnert: Wir führen Gespräche mit TV-Sendern, Medienanstalten und anderen Marktpartnern über die Möglichkeit der DVB-T2-Einführung in Deutschland. Es ist aber noch keine Entscheidung gefallen.

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